Foto von Aurora & Romeo

Aurora & Romeo
am Sept. 30, 2020

Erfahrungsbericht von Aurora & Romeo

> Wie alles begann

Damals hatte ich ein ziemlich unfaires Bild vom Wesen der Hunde. Hörig, sehr extrovertiert bis hin zu grenzüberschreitend, zumeist unerzogen und damit zum Teil unberechenbar (gefährlich). Unter anderem auch, weil eine lange Narbe eines Hundebisses mein Schienbein schmückt. Dementsprechend konnte ich Hunden lange im Zusammenleben nicht viel abgewinnen.
Nach dem Tod meines Katers, wollten wir einer verlassenen Seele ein Zuhause schenken. Erfüllten wir doch die entsprechenden Voraussetzungen für einen höheren Aufwand. Es sollte zur Überraschung vieler (inkl. mir selbst) tatsächlich ein Hund werden. Meine Suche lenkte mich in Richtung Zwergpinscher.

Während meiner Recherche stieß ich auf Romeo; ~1 Jahr alt, kaputte Hüfte, ein Auge aufgrund eines Hundebisses zerstört und eher zurückhaltend. Keiner wollte ihn haben, doch wir verloren sofort unser Herz an ihn ♡

Meine Vorstellung vom Zusammenleben mit einem Hund war damals nicht von hohen Erwartungen geprägt. Ich hatte nicht den Wunsch, an besonderen Hundesportarten teilzunehmen, ihm viele Tricks
beizubringen oder mit vielen anderen Hundehalter*innen und ihren Hunden in Kontakt zu kommen. Vielmehr sehnte ich mich nach einem Familienmitglied, das Teil unseres Lebens und damit Alltags wird. Nach einem sanften Lebensbegleiter mit Charakter. Vielleicht würden wir neue Orte entdecken und viel Zeit draußen verbringen, vielleicht würden wir aber auch einfach mit Vorliebe kuschelnd auf dem Sofa liegen. Komme, was da wolle.

Ich wollte alles richtig machen, recherchierte viel und kontaktierte vor Einzug eine Hundetrainerin, die mir wärmstens empfohlen wurde. Sie arbeite sehr alternativ und habe Erfahrung mit zurückhaltenden Hunden, so wurde mir berichtet. Ich fühlte mich nach einigen Vorgesprächen mit der Trainerin und der vielen Recherche ziemlich gut vorbereitet und sehnte Romeos Einzug entgegen. Dass mich die gut gemeinten Vorbereitungen schlussendlich mehr von mir selbst, meinen Überzeugungen und uns von einer vertrauensvollen Beziehung entfernen würde, das war mir zu Beginn so nicht klar.

> Die Enttäuschung

Romeo war bei Einzug ein Mix aus vielen Unsicherheiten und beziehungssuchendem Verhalten. Manchmal legte er sich nervös auf den Rücken, wenn er Situationen nicht einschätzen konnte. Dann gab es Momente, in denen er wie wild durch die Gegend schoss. Im Zickzack rannte er durch den Garten und ließ sich von nichts und niemandem aufhalten oder irgendwann einfangen. Eine Führung am Halsband war nicht möglich, denn egal, wie das Halsband konstruiert war, er schlüpfte rückwärts wieder raus. Er fraß alles vom Boden und kläffte so ziemlich alles an. Hunde, Menschen, Kinder, Fahrräder etc. Er macht dem Image der Trethupe alle Ehre und mich beschämte es mit der Zeit zunehmend. U.a. wohl, weil er selbst nach langer Zeit des intensiven Trainings mit der damaligen Trainerin nicht davon abließ. Viel mehr wurde es schlimmer, deutlich schlimmer. Denn aus dem anfänglichen Bellen wurde ein regelrechtes Ausrasten, wildes umher Schnappen und zuletzt vereinzeltes Zuschnappen. Ganz ehrlich, ich kann es ihm rückblickend nicht verübeln. Die angepriesene alternative Hundeschule entpuppte sich immer mehr als Konzept mit absolutem Gehorsam und klarem hierarchischen Bild. Vorne weg der Mensch als „leitender Jäger“ und Chef, denn die Zusammenarbeit baute auf Jagdersatztraining und Ressourcenmanagement. "Die wohl einzigen Motivatoren zur Kooperation eines Hundes", so die Trainerin. Die einzelnen Übungen führte Romeo wie "gut erzogen" aus. Ab davon lief es gar nicht gut.

Kritisches Nachfragen war dort nicht erwünscht. Führt der Hunde nicht aus, habe ein Hund mit negativen Konsequenzen zu rechnen, da er sich z.B. das Futter erarbeiten müsse. Kommuniziert wurde körperlich oder auch in „Hundesprache“, z.B. mittels Knurren und (Hilfe, ich habe es wirklich mal umgesetzt) so tun, als würde man das Revier markieren. Grundbedürfnisse nur nach Freigabe. Bei unerwünschtem Verhalten habe man den Hund zu korrigieren, wie es immer so schön hieß. Stupser in die Seite oder scharfes Anknurren, denn das würden Hunde untereinander auch so machen. Die Heftigkeit ihrer Korrekturen steigerte sich im Verlauf der Zeit zunehmend. Die Trainerin ging einmal so weit, dass sie großen Hunden mit der Faust gegen die Nase boxte und als sie kurz daraufhin einen Welpen ruckartig am Nacken hob und anknurrte, setzte ich keinen Fuß mehr dorthin. Das war ihr sicher ganz recht, denn meine unzureichende Umsetzung der Korrekturen, sowie kritischen Fragen passten ihr nicht. „Das wird nie was, wenn du Romeo nicht mal ordentlich korrigierst“, hieß es. Wieso ich nicht früher gegangen bin? Ich hatte kaum Erfahrung mit Hunden und dachte zeitweise wirklich, ICH habe eine komische, zu zarte Beziehung zu Hunden. Man müsse wohl so mit Hunden umgehen, sie auffordern, auslasten und korrigieren. Ich vertraute, nicht zuletzt, weil sich ihre Methoden mit den Aspekten vieler Trainingsansätze aus Trainingsbüchern und dem Fernsehen deckten.
Ich müsse es nur korrekt ausführen. Zu meinem Bauchgefühl passte es nicht. Widersprach dieser Umgang doch grundlegend meiner persönlichen Haltung ggü. Lebewesen.

So verbrachten wir anschließend einige Zeit ohne einen gewissen Ansatz oder eine haltbare Idee, wie es nun weitergehen könnte. Es folgte ein Durcheinander aus vielen unterschiedlichen Ansätze, die ich hier und da aufgeschnappt hatte. Ans Ziel brachte es uns nicht.

> Die Neuorientierung

Auf der Suche nach einer passenden Richtung, begegneten mich viele Ansätze. Trotz des großen Angebots, sah ich doch in allen eine gewisse Gemeinsamkeit. Sie basierten auf Aufforderung, Belohnung und/oder Begrenzung. Bei Instagram begegneten mir währenddessen immer wieder Beiträge von Hundehalter*innen, die ohne dies auskamen und ab vom konventionellen mit ihrem Hund lebten. Ich bin ehrlich, zu Beginn hielt ich das Ganze für ziemlich unmöglich und zweifelhaft. Zeitweise erzürnte es mich sogar. Wie können sie es wagen, alles in Frage zu stellen, was ich bis hierher gelernt habe? Was überall erzählt wird und in Büchern steht? Als ob es möglich sei, so verlässlich mit seinem Hund zusammenzuleben. Das sei grob fahrlässig. Man würde seinen Hund „einfach machen lassen“.
- Wie wolle man den Hund denn z.B. vom Kläffen abhalten, wenn man es nicht unterbinden dürfe?
- Wieso sollte mein Hund mit dem Schnappen aufhören, wenn ich ihm nicht weiterhin sage, wie schlecht das ist?
- Wieso sollte mein Hund motiviert sein, zu mir zu kommen, wenn ich ihm im Gegenzug nichts greifbares biete, wie z.B. Futter, Lob oder ein Spielzeug?
- Wie soll ich meinen Hund so erklären, dass er nicht alles vom Boden fressen soll?
- Wie soll mein Hund lernen, an der Leine zu laufen, wenn ich ihn nicht begrenze oder Gehen auf Beinhöhe positive bestärke?
- Wie soll ich meinem Hund artgerecht begegnen, wenn ich ihm kein Jagdersatz oder ähnlichen Hundesport biete?
- Wie soll mir OnlineCoaching bei meinen Problemen im Alltag mit Hund helfen?
- Wieso sollte ein Hund überhaupt etwas tun oder lassen, wenn ich es nicht von außen beeinflusse?!

Ich habe mit besagten Personen viel diskutiert. Hab sie mit meinen kritischen Fragen überhäuft. Was ich erhielt waren offene Ohren und plausible, haltbare Antworten, die sich sogar mit dem Wissen aus meinem Studium verknüpfen ließen. Erklärungen, die für mich so viel Sinn ergaben, dass ich beschloss, die Anwendung, die ich bei Instagram sah und hörte, mit meinem Fachwissen zu verknüpfen und auf eigene Faust umzusetzen. Das konnte so nichts werden, aber vermutlich brauchte ich die Erfahrung, um mich gänzlich auf den Weg einlassen zu können.

> Die Richtung stimmt

So kam es, dass ich das erste Seminar zum besagten Erziehungskonzept besuchte. Mein nebliges Halbwissen klärte sich zunehmend, obwohl noch viele Fragen zur konkreten Umsetzung blieben. Zum Abschluss erhielt ich meine erste (Verhaltens-)Vorlage.

Nach dem Seminar rauchte mein Kopf ziemlich, stellte es doch alles, was ich bisher von der Mensch-Hund-Beziehung zu wissen glaubte ziemlich auf den Kopf. Ich erkannte den Hund nicht mehr als rein triebgesteuert und minderintelligent, sondern als dem Menschen in den Grundbedürfnissen vergleichbares, zwar unerfahrenes, aber bewusst handelndes Wesen.

Ich weiß noch, wie begeistert ich davon war, dass ich Romeo nun als aktiv rebellierenden Beziehungspartner und nicht mehr als gänzlich traumatisierten und triebhaft unberechenbaren Sonderfall sehen konnte. Die Erkenntnis, dass unsere Beziehung ziemlich unsicher und belastet war, traf mich tief. Hatte ich doch immer nur die Absicht, alles richtig und zu seinem Wohl zu machen. Es folgten einige Sitzungen und Telefonate. Die anfänglich raschen Fortschritte verlangsamten sich. Trotz mehrerer Anläufe hingen wir fest und die Monate vergingen.

Der Weg war der Richtige. Da war ich mir definitiv sicher, hat sich doch unsere Beziehung um ein Vielfaches verbessert. Ich musste nicht mehr gegen mein Bauchgefühl arbeiten. Er suchte vermehrt meine Nähe und orientierte sich in vielen Situationen auch selbstständiger an mir. Kot fressen, Ausrasten und Schnappen ggü. anderen blieb, sodass wir uns mit einem Maulkorb behalfen.
Doch die Stagnation setzte uns ziemlich zu, sodass ich beschloss, durch einen Coachwechsel neue Impulse zu empfangen. Wir wechselten zu Condigno bzw. Claudi und beschritten damit einen wertvollen Schritt hin zu maßgeblichen Veränderungen in unserem Zusammenleben. In unserem ganz persönlichen Alltag. Hin zur gelebten Alltagstauglichkeit und gestärkten Vertrauensbeziehung.

> Die Veränderungen

Nach einer ersten Sortierung via Skype mit Claudi ging es auch schon los. Es erforderte nochmal ordentlich Querdenken von mir. Auch mein Partner, der sich zuvor eher im Hintergrund hielt, öffnete sich zunehmend dem Coaching und damit der Umsetzung.

Es gab aber auch Tage, da saß ich draußen mit Romeo, da lief gefühlt gar nichts. Ich verlor mich wieder in meinem Perfektionismus und kontaktierte in meiner Verzweiflung spontan Claudi via Telefon. Ihren aufbauenden und motivierenden Worten verdanke ich es wohl, dass ich in diesen Momenten aus der eigenen Ohnmacht herausfinden konnte, um so für Romeo eine verlässliche und souveräne Person zu werden. Heute weiß ich, dass gerade diese begleiteten Tiefpunkte zu unseren Fortschritten beigetragen habe. Ich fand so aus alten Ohnmachten und damit aus alten (Gedanken-)Mustern heraus.

Da waren sie, die Sprünge. Die Sprünge in meinem Kopf und damit die Sprünge in der Interaktion und Kooperation, die schlussendlich in einer neuen Qualität unserer Beziehung mündeten.

Ich bin oft noch verblüfft, wie ausschlaggebend das eigene mindset ist. Sie musste uns tatsächlich gar nicht live erleben, um uns die passenden Stützen zu geben - was meine anfänglichen Zweifel bezüglich des Ferncoachings schnell verfliegen ließ. Die enge Zusammenarbeit, der strukturierte Aufbau, ihre empathisch ehrliche Art, sowie der individuelle Einbezug der Lebenssituation reichten, um mein mindset so zu stärken, dass ich meinem Begleiter genügend Sicherheit geben konnte, um sich freiwillig, ohne extrinsische Motivatoren, anzuschließen. Um nochmal auf meine anfänglichen Bedenken zurückzukommen:

"Wie soll ich erreichen, dass mein Hund ______ macht/unterlässt?". Mein Antwort heute: Gar nicht!
Nicht ich erreiche es. Aber ich kann meinem Begleiter helfen, im gesicherten Rahmen selbst herauszufinden, welche Lösung die vorteilhafteste ist. Ihn fördern und nicht fordern.
Und diese Grundkompetenz ermöglicht es uns, auch unvorhersehbaren Situationen und neuen Herausforderungen nicht mehr ohnmächtig gegenüberzustehen. Es ist keine Arbeit am Symptom, sondern die Erarbeitung einer tragbaren Beziehungsbasis.
Im Einklang mit meinem Bauchgefühl. Eine Beziehungsbasis, die destruktives Verhalten, wie Schnappen, unbrauchbar macht, ohne am Symptom selbst herumgebastelt zu haben.

> Heute

Wenn ich mit Romeo unterwegs bin, dann stromern wir ruhig durch die Gegend. Sei es in der Natur oder in der Innenstadt. Es braucht kaum Worte. Keine Aufforderung, keine Belohnung oder Begrenzung. Unsere Beziehung ist geprägt von Vertrauen, Authentizität & Gleichwertigkeit. Wenn ihn Menschen erleben, dann fällt oft (neben seiner Größe) seine innere Ausgeglichenheit und seine große Persönlichkeit auf. Wird es ihm zu bunt, dann zieht er sich einfach zurück – damals undenkbar. Sucht er Kontakt - und den sucht er oft - kuschelt er sich ganz nah ran. Ganz Selbstbestimmt.

Alltag ist unberechenbar, doch wir vermeiden nicht mehr oder versuchen, unser Umfeld zu
verändern bzw. zu kontrollieren. Das in dem Wissen, dass wir uns auf unseren gemeinsam erarbeiteten „Werkzeugkoffer“ verlassen können. Bereit für alles!

Beziehungen sind dynamisch und so sind wir jetzt nicht einfach fertig und alles läuft.
Es bleibt nicht auszuschließen, dass sich auch nochmal Nachfragen ergeben. Das ist aber völlig in Ordnung. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass u.a. diese offene Haltung gegenüber Nachfragen & anhaltende Reflexion dazu beitragen, dass unsere Beziehungsbasis standhaft bleibt.

- Ich bin so dankbar, dass ich in der Auseinandersetzung so viel über mich selbst lernen und daran wachsen konnte/kann.
- Dass wir die abgetretenen Wege verlassen konnten.
- Dass ich mein Bild vom Hund anpassen konnte und ihm so fairer begegne.
- Dass ich nun mit meinem Begleiter im Einklang mit meinen Bauchgefühl und meinen Überzeugungen leben kann.
- Dass ich mir für frühere Fehler verzeihen konnte und uns der Neustart näher zueinander gebracht hat als jemals zuvor.
- Dass ich in unserem Prozess so viele tolle Menschen kennenlernen durfte/darf, die auch diesen Weg beschreiten und sich gegenseitig unterstützen und inspirieren.
- Ich bin dankbar für Claudis unglaubliche Geduld, Warmherzigkeit und Kompetenz, mit der sie uns auch über unser Coaching hinaus begegnet. Für ihre ehrlichen und aufbauenden Worte. Dafür, dass sie uns einen Weg gezeigt hat, der an unsere Lebensumstände angepasst, alles ermöglicht, ohne einem Zwang zu unterliegen.

„Alles kann, nichts muss“ oder besser: „Alles kann, weil's nicht muss!“

Danke! ♡