Warum sich alles änderte, als ich mich änderte

Warum sich alles änderte, als ich mich änderte

Mein Zwergpinscher-Rüde Jack lebt nun seit über vier Jahren mit mir zusammen. Dabei hatten wir damals wirklich einen krassen Start. In treffender Titel für unsere Geschichte, wäre wohl "vom Angsthund zum Schoßhund".

Bei einem Hund aus schlechter Haltung, kann man oft nicht mit Sicherheit sagen, was vorher alles schief ging. Meist erfährt man keine oder nur die Hälfte der Wahrheit und die Vorbesitzer sind froh, wenn das Tier endlich weg ist. Fairerweise muss ich sagen, dass wenigstens ein Ex-Familienteil aus Jacks Vergangenheit sich derart um ihm sorgte, dass es versuchte, ihn privat zu vermitteln. Darüber bin ich sehr froh. Dieses Sensibelchen ins Tierheim zu stecken, wäre sicherlich nicht hilfreich gewesen. Schon in der ersten Sekunde, da ich Jack sah, war absolut klar, dass dieser Hund nirgendwo herumgereicht werden sollte. Dieser kleine Hibbel sollte sofort ein Zuhause auf Lebenszeit erhalten. Also behielt ich ihn direkt bei mir. Auch wenn Jacks Angsthund-Geschichte hier nicht das eigentliche Thema sein soll, und ich mir Mühe gebe, nicht zu weit auszuholen, bedarf es trotzdem noch ein paar Sätzen dazu.

Nicht wenige Hunde, die schlechte Erfahrungen machen mussten, haben gewisse Probleme neuen Haltern zu vertrauen. Wie man damit umgeht, bestimmt maßgeblich, wie die Geschichte am Ende ausgeht. Ich denke, das ist gewissermaßen klar. Mit Jack hatte ich diese Situation nicht. Er zeigte von Anfang an ein beeindruckendes Vertrauen in mich, schlechte Erfahrungen hin oder her. Noch heute bewundere ich ihn, rückblickend betrachtet, sehr dafür, so gewillt gewesen zu sein, nach vorne zu blicken. Mit Sicherheit hat auch meine selbstverständliche Art im Umgang mit Hunden, ihren Teil dazu beigetragen. Aber, es gehören immer zwei dazu. Und so konnten wir an den Dingen arbeiten, die ihm damals sehr viel Angst bereitet haben. Nach drei Monaten, war Jack angstfrei und hatte einen großen Platz in meinem Herzen. Der bis heute - und sehr wahrscheinlich für immer - unantastbar bleibt.

Unser Angsttraining war kein spezielles Training. Es beruhte eher auf persönlicher Intuition und Einfühlungsvermögen. Andere Dinge, wie die sogenannten "Grundkommandos", konnte Jack von Anfang an. Die mussten wir nicht erarbeiten. Was unseren Alltag damals ausmachte, war das "Übliche": auf dem Spaziergang immer mal eine Dummy-Suche, im heimischen Wohnzimmer Trick-Übungen, Schnüffeln als Kopfarbeit und was nicht noch alles. Tja, was soll ich sagen? Zu dem Zeitpunkt wusste ich es nicht anders. Doch rausreden möchte ich mich nicht. Man redet sich viel zu oft raus. 

Wenn ich heute ehrlich bin, gebe ich zu, mir damals nicht wirklich viele Gedanken zu alledem gemacht zu haben. Wie es von jeder Seite an Hundehalter herangetragen wird, dachte ich meinen Hund mit solchem Brimborium "auslasten" zu müssen. Bezogen auf manche veranstalteten Dinge, kann ich heute nur den Kopf über mich selbst schütteln. Zum Beispiel dieses unnötige "dem Hund Tricks beibringen". Sicher, hier und da ist es trollig anzusehen. Aber irgendwie erinnert das doch nur an eine Marionette und wird in keinster Weise den großartigen Fähigkeiten des Hundes gerecht. Das, was der Konsens in Sachen Hunde erzählt, habe ich früher einfach nicht hinterfragt. Die Tatsache, dass überall das Gleiche geraten und gemacht wird, habe ich als bindend und in allen Fällen richtig geglaubt. Es sind eben die Konventionen!

Konventionen sind (nicht notwendig festgeschriebene) Regeln oder Gepflogenheiten, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines beschlossenen Konsens (einer übereinstimmenden Meinung von Personen zu einer bestimmten Frage ohne verdeckten oder offenen Widerspruch) hervorgebracht und eingehalten werden. Sie können stillschweigend zustande gekommen oder auch ausgehandelt worden sein. Doch wann haben die Leute eigentlich aufgehört, angebliche Gesetzmäßigkeiten kritisch zu hinterfragen? Wann sind die Leute verdammt noch mal so bequem geworden, blind auf alles zu vertrauen, was die breite Masse suggeriert? Warum habe ich vorher nie etwas hinterfragt?

Dann las ich ein Buch, das mir neue Wege wies
Es war ein Buch, welches mit erschreckender Logik jegliche Hundeschulen-Theorie über den Haufen warf, derer ich bis dato begegnet war. Die darin getroffenen Aussagen, lagen mir lange schwer im Magen. So wie mir, ging es vielen. Die hartgesottenen Fanatiker konventionellen Hundetrainings befeuerten diese Publikation mit heftiger Gegenwehr. Doch warum? Eine äußerst schickliche Redewendung besagt, “betroffene Hunde bellen”. Tja, und mir ging es zuerst ganz genau so! Ich schimpfte und meckerte. Wie konnte das alles nur behauptet werden?

Meine “heile Hundetrainer-Welt” wankte. Ich versuchte, sie mit aller Kraft im Gleichgewicht zu halten. Mitten im Hundepsychologie-Studium steckend, wollte ich gar nicht wahrhaben, was ich da las. Es waren Dinge, die so völlig entgegen dem waren, was ich bisher aufgenommen habe. Ich war enttäuscht. Enttäuscht von dem Buch. Ich legte es weg und deklarierte es als, und das weiß ich heute noch ganz genau, “die sinnloseste Anschaffung des Jahres”.

Es verging einiges an Zeit, in der ich keine Sekunde an das Gelesene aus dem Buch dachte. Ich wollte es nicht wahrhaben und klammerte es aus. Es passte schlichtweg nicht zur allgemeinen Meinung der Mehrheit. Doch mein Wissensdurst, das mir bis dato noch Absurde zu verstehen, forderte meine Aufmerksamkeit, wollte dass ich mich damit auseinandersetze. Ich wollte es um jeden Preis verstehen. Wie konnte man mit derartiger Überzeugung etwas entgegen der breiten Masse behaupten? Nicht zuletzt war die liebe Marit mir dabei eine große Hilfe, die selbst schon eine ganze Weile nach den Inhalten dieses unkonventionellen Konzepts mit ihrem Hund umgeht. Ich gebe zu, dass sie mit meinem zweifelnden Wesen anfangs sicher nicht die erfreulichste Zeit mit mir hatte. Doch heute bin ich ihr so unendlich dankbar. Dafür, ihr viele Fragen gestellt haben zu können und stets durchdachte, fundierte Antworten erhalten zu haben. Ich las das Buch ein zweites Mal, war gewillt das Bisherige zu überdenken und alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mit jeder nochmals gelesenen Seite verstand ich mehr. Nachdem ich also ein zweites Mal am Ende des Buches angekommen war, war für mich nichts mehr wie es war!

Doch was ist passiert?
Ich erkannte zum ersten Mal in all den Jahren, dass ich nenne es jetzt mal die “konventionelle Hundeerziehung” ein äußerst unfaires Konzept darstellt. Ich verstand, warum es gegen die Praktik eines unkonventionellen Ansatzes so heftigen Gegenwind gibt. Über diesen Ansatz schrieb ich bereits im vorherigen Artikel, den ich an dieser Stelle noch mal verlinken möchte: Vertrauen ist gut, Kommando ist besser.

Ich begann zu verstehen, wie sehr ich Jack (teils unbeabsichtigt, teils aus dem Wahn heraus, er könne sonst etwas geschehen) bevormundet und ihm jede Entscheidung abgenommen habe. Ich begann zu verstehen, wieso ich immer trauriger darüber wurde, dass er nicht in der Lage war, auch nur die kleinste Entscheidung selbst zu treffen. Manchmal, wenn er minutenlang nach dem Fressen regelrecht hilflos im Zimmer stand und förmlich darum bettelte, gesagt zu bekommen, wohin er als nächstes gehen, was er als nächstes tun solle, war ich richtig übel frustriert. Doch ich begriff damals nicht, dass ich ihn so unfähig gemacht habe. Bemerkte nicht, dass ich ihn mit meinem “komm hier her”, “geh da hin” und jedem anderen Kommando dazu gedrängt habe, sich nicht selbst entscheiden zu müssen oder besser gesagt zu können. Das ist nur ein Beispiel von vielen “Missständen”, die mir nach dem Lesen dieses fremdartigen Buches aufgefallen sind.

Ich hatte Glück, Jack ist von Natur aus ein nicht besonders rebellischer Hund. Daher hatte er mir nie wirklich gezeigt, wie unzufrieden er teilweise wohl gewesen ist. Trotzdem gab es Anzeichen für Unbehagen, die mir schlichtweg nicht aufgefallen sind. Beispielsweise sein manisches Verhalten in puncto Futter. Sein kleiner Moment Entscheidungsfreiheit und mein Moment der Ohnmacht. Denn ich kann tausend Mal “friss doch nicht so schnell” sagen und dennoch nicht beeinflussen, ob er schlingt oder nicht.

Es ist schwer, eine neue Wahrheit zu akzeptieren. Eine, die einen selbst ins Visier nimmt und dazu zwingt, alles zu reflektieren und bestehende Abläufe und Umstände zu hinterfragen. Sich selbst kritisch zu hinterfragen, dass muss man sich erst einmal trauen. Und sich selbst anschließend zu ändern ist nicht leicht. Man fürchtet sich davor, sein Gesicht zu verlieren. Dabei hat man es doch längst verloren. Ich begann, meine Handlungen und Jacks damit verbundene Reaktionen, genauer zu beobachten und zu hinterfragen. Mit der Erkenntnis, dass ich mich fast permanent über ihn stellte und bevormundete. Sei es aus Sorge oder weil ich etwas korrekt ausgeführt haben wollte. Oder eben einfach nur so, weil man halt manchmal ein “Sitz” oder “Platz” in gewissen Situationen verlangt.

ch begann ihn, statt zu kommandieren, auf Augenhöhe zu betrachten und unsere Bedürfnisse auf die gleiche Stufe zu stellen. Dazu gehörte auch, bei bisher gestellten Anforderungen und Kommandos an ihn, zu ergründen, wie es mir an seiner statt gehen würde. Ich begann, mich und meine Ansichten zu ändern und mich meinem Hund gegenüber fairer zu verhalten, Jack sichere Rahmen zu stecken und ihm Entscheidungen zu überlassen.

Sobald man sich eingesteht, dass man einfach viel zu kompliziert gedacht und gehandelt hat, eröffnet ein Umdenken einem einen ganz anderen, viel bunteren Horizont. Seit Beginn, haben sich hier Dinge merklich verändert und darüber bin ich sehr froh. Ich fühle mich wohler dabei. Jack hat begonnen sich häufiger selbst zu entscheiden, worüber wir mächtig stolz sind.

Und so änderte sich alles, als ich mich änderte …


Nachwort
Damit sich keiner persönlich angegriffen fühlt, habe ich in diesem Beitrag bewusst meine persönliche Erfahrung und meine Gedankengänge geäußert, von denen ich hoffe ihr könnt sie schätzen. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere sogar in der Lage, darüber nachzudenken, ohne direkt loszuschimpfen. Denn eigentlich möchte ich, genau wie jeder andere, nur das Beste für meinen und auch jeden anderen (!) Hund. Dazu gehört allerdings, sich selbst reflektieren zu können und sich zu fragen, ob man wirklich sein Bestes gibt, um ein guter Halter zu sein. Oder ob man nicht manchmal egoistisch an die eigenen Wünsche und Vorstellung denkt, statt an die Bedürfnisse des Individuum einem gegenüber. Ich habe es getan und bereue es keine Sekunde, denn ich habe sehr viel dazugelernt, tue es immer noch, und konnte schon vieles zum Positiven verbessern. 

 

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